Menschenbild
In den letzten Monaten (Stand: Mitte 2026) wurde ich mehrfach mit Situationen oder ganz konkreten Fragen konfrontiert, die mir bewusst machten, dass offenbar mein Menschenbild bzw. meine Wahrnehmung und Bewertung meiner Mitmenschen offenbar etwas anders anders funktionieren als bei vielen anderen Menschen. Ich möchte ein paar meiner Gedanken dazu mit Dir teilen.
Vermutlich haben die meisten Jugendlichen unserer Zeit irgendwann den Punkt erreicht, an dem über “andere” Menschen gewitzelt oder gar hergezogen wird. Dabei ist es ziemlich egal, ob es dabei um Herkunft, Hautfarbe, Sprache, Glauben oder sexuelle Orientierung geht, im sozialen Kontext werden “Abweichungen” schnell stigmatisiert, die davor möglicherweise nie ein Problem darstellten. Problematisch ist das in jedem Fall, aber die Gruppendynamik verstärkt solche Themen und da die Mehrheit definiert, was “normal” ist und Menschen dazu neigen, alles Abweichende auszugrenzen, muss das einzelne Individuum erst lernen, sich das alles bewusst zu machen - und im besten Fall auch, sich selbst und andere dagegen zu schützen und weltoffen zu bleiben. Die Jugend ist eigentlich der perfekte Zeitpunkt dafür, aber die Pubertät und der Wunsch, cool zu sein und dazu zu gehören, drückt manchmal offenbar stark in die andere Richtung.
Ich jedenfalls habe in meiner Jugend alle möglichen Ausgrenzungen und Anfeindungen erlebt, oft auch gegen mich selbst. Die immer wiederkehrenden Klassiker: Juden, Polen, Schwule. Und während auch bei mir als dem ewigen Außenseiter anfangs der Wunsch, irgendwo dazuzugehören, zu seltsamen Auswüchsen führte, merkte ich doch relativ schnell, dass dieses Ausgrenzen von anderen Menschen irgendwie genau das war, was mit mir selbst passierte und wie schädlich das eigentlich war. Und auch, dass ich mit den ganzen blöden Sprüchen (vorrangig in der Schule, zu Hause wäre das vollkommen zu Recht im Keim erstickt worden) über Menschen und Situationen urteile, von denen ich nicht das geringste wusste, wurde mir relativ früh bewusst. Im Endeffekt führte das dann dazu, dass ich zumindest erst einmal nicht mehr mitzog und am Ende (ich hatte eh nichts zu verlieren) auch aktiv gegenredete. Letzteres führte zwar von Zeit zu Zeit zu verbalen und körperlichen Aggressionen mir gegenüber, aber im Endeffekt führte genau das dazu, dass ich erst recht laut wurde. Wer auf Gewalt zurückgreift, dem fehlen meist einfach die Argumente.
In den späteren Schuljahren bildeten sich dann doch zwei locker definierte Lager aus, deren Mitglieder mal hier, mal dort, aber immer öfter in einer der beiden Richtungen verortet war: Diejenigen, die weiter über Andersdenkende herzogen und die, die sich eher integreativ und neugierig zeigten, auch wenn letztere die anderen meist stillschweigend duldeten, um sich selber nicht zum Ziel zu machen. Zivilcourage ist in dem Alter noch schwierig, das sehe ich ein, ich hätte mir tatsächlich aber mehr moralische Einordnung und Führung seitens der Lehrkräfte gewünscht. Einige wenige taten ihr bestes und so wurde im Kunstunterricht unter anderem über homosexuelle Künstler referiert, während im Musikunterricht Klezmer und generell jiddische Musik und Jazz ihren Platz hatten. Selbstverständlich war in Geschichte auch der Zweite Weltkrieg mit all seinen Abscheulichkeiten ein Kernthema, hier hatte ich aber das Gefühl, dass viele einen mir unverständlichen Abstand einnahmen und die besprochenen Themen als etwas wegschoben, das sie nicht betraf. Gerade da hätte man ansetzen können, vermutlich gab der straffe Lehrplan das aber nicht her.
Fast forward, ein paar Jahre später. Ich hatte die Schule kurz nach Erreichen der Mittleren Reife abgebrochen und hatte angefangen zu arbeiten. Bei meinem zweiten Arbeitgeber lernte ich meinen ersten offen schwulen Mann kennen. Ein großartiger Mensch, der an vielen Stellen mit einem bissigen Humor auf Situationen reagierte, der auch stark auf mich abfärbte. Wir freundeten uns an und ich bekam das erste Mal wirklich eine Bestätigung, dass meine Abneigung gegen das Ausgrenzen von anderen Menschen der richtige Weg war. Meine anfängliche Scheu gegenüber dem Thema Homosexualität löste sich innerhalb kürzester Zeit in Wohlgefallen auf und man trifft mich bis heute auch gerne mal in Schwulenbars an. Nicht, weil ich selber homosexuell bin, sondern weil ich keine Angst vor Menschen habe, die eine andere Sexualität ausleben als ich. Wobei ich mich an dieser Stelle auch an den Spruch “ein bisschen bi schadet nie” zurück erinnere, der bis heute auch für mich Gültigkeit hat; zu behaupten, ich hätte mich noch nie Hals über Kopf in einen Mann verliebt, wäre eine glatte Lüge.
Auch meine späteren Kontakte und Freundschaften zu Juden, Moslems, Japanern, Amerikanern, Gothics, Metalheads und etlichen Menschen aus der LGBTQI+ Community hätten mir vermutlich sehr viele Kopfschmerzen bereitet, hätte ich mir nicht rechtzeitig klargemacht, dass Menschen zwar hervorragend in alle möglichen Schubladen passen, aber am besten selber entscheiden sollten, in welche sie denn gesteckt werden möchten. Und ich behaupte nicht, keine Vorurteile zu haben, im Gegenteil. Ich denke, Vorurteile sind genrell etwas Menschliches, geboren aus den Filtern, die unser Gehirn benutzt, um Situationen schnell einzuschätzen und im Zweifel “sichere” Entscheidungen zu treffen. Nur, dass diese Vorurteile in unserer modernen Welt weniger sinnvoll sind als sie vielleicht vor Urzeiten waren, als tatsächlich das schnelle Einordnen von Aussehen, Verhalten und Sprache über Tod und Leben entscheiden konnte. Ist gut? Ist Feind? Außerhalb von Kriegen haben solche Urinstinkte heute nur noch wenig Belang, steuern uns aber dennoch durch den Tag. Sich dessen bewusst zu machen ist ein erster Schritt, bewusster mit Ängsten und daraus resultierenden Vorurteilen sowie deren Ausnutzung durch Dritte zu begegnen.
Heute verstehe ich auch, wieso mich die Frage eines Freundews vor vielen Jahren, ob ich LGBTQI+ unterstütze, ob ich ein Ally sei, so irritierte. Ich verstand die Frage, ich verstand, was mit den Worten gemeint war, aber ich hatte mir diese Frage nie gestellt. Nicht, weil sie für mich irrelevant gewesen wäre, sondern weil für mich schon jahrzehntelang klar war, dass ich Menschen aus dieser Szene (entschuldige, wenn ich hier immer von der Szene schreibe, natürlich sind alle Menschen mit nicht-heteronormativer Geschlechts- sowie sexueller Identität und Präferenz gemeint) nicht nur toleriere, sondern sie als gleichberechtigt und genauso Teil der Gesellschaft anerkenne wie den Rest auch - und dass ich für sie einstehe, wenn ich Diskriminierung mitbekomme. Genauso, wie ich gegen jede andere Form der Diskriminierung und Ausgrenzung angehe. Ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, ob mich das zu “Ally” macht, manche mögen das bejahen, andere verneinen. Im ENdeffekt ist es mir auch egal, es ist ein weiteres Label, eine weitere Schublade, die sich Menschen ausdenken, um “wohlwollend” von “bedrohlich” zu unterscheiden. Ich sehe mich jedenfalls tendenziell eher als Ally, allerdings nicht nur in Bezug auf Fragen der sexuellen Ausrichtung und der sexuellen Identität, sondern generell bezogen auf alles, was eben keine einfache bewusste Entscheidung ist: Herkunft, Sprache, Religion, Genetik, Identität, Neurodivergenz. Das bedeutet nicht, dass ich alles toleriere, was im Namen dieser Themenfelder an Unsinn verzapft wird, schwarze Schafe gibt es immer und überall. Aber tendenziell vertrete und lebe ich die Standpunkte “Leben und leben lassen” und “Die Freiheit eines jeden endet dort, wo die Freiheit eines anderen beginnt”.
Wissensbrocken am Rande: Das Zitat mit der Freiheit, die dort aufhört, wo die Freiheit des anderen beginnt, wird übrigens gerne Immanuel Kant oder Rosa Luxemburg angedichtet, die haben es jedoch nie so verwendet. Viel eher stammt der Ursprungsgedanke aus der französischen “Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte” von 1789, der besagt, die Freiheit bestehe darin, alles tun zu können, solange es anderen nicht schade. Dieser Gedanke wurde in den späteren Jahren und Jahrhunderten immer wieder aufgegriffen und umformuliert, Kant formulierte selbst erst 1793 einen Text, der ihn aufgriff, jedoch nicht so klar auf den Punkt brachte. Auch der Verweis auf Luxemburg dürfte ein Trugschluss sein, denn diese sprach von der Freiheit, die immer die Freiheit der Andersdenkenden sein sollte - klingt ähnlich, meint aber etwas anderes.
Und am Ende bleibt für mich die Erkenntnis: Alle Menschen sind laut Grundgesetz vor dem Gesetz gleich. Dass die Ausführenden das zuweilen etwas kontraintuitiv auslegen ist leider nur zu bekannt, doch es passt ins Bild: Denn vor dem Menschen sind nicht alle Menschen gleich. Manche sind gleicher, andere in manchen Köpfen nicht einmal Menschen. Der Begriff “Rassismus” kommt einem schnell in den Kopf, greift aber (abgesehen davon, dass er grundlegend falsch ist, denn die letzte andere Menschenrasse neben dem Homo Sapiens ist schon seit Ewigkeiten ausgestorben bzw. in dem gemeinsamen Genpool aufgegangen) nicht weit genug. Menschen tun sich schwer damit, Verständnis und Offenheit gegenüber anderen Menschen aufzubringen, die nicht ihrem eigenen Kulturkreis oder Erlebensraum entsprechen. Und wenn man sich einmal in der heutigen Gesellschaft umsieht, wird das mehr als deutlich. Umso wichtiger ist es mir, open minded zu bleiben und auch anderen aufzuzeigen, wie viel bunter, schöner und erfüllender die Welt sein kann, wenn man nicht aus Angst vor dem Unbekannten die Scheuklappen aufsetzt und andere Lebensrealitäten ausblendet oder direkt verurteilt, ohne sie jemals kennengelernt zu haben.
Ob das Ganze mit ADHS und Autismus zu tun hat? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, denn es gibt viele andere Menschen, die ähnlich denken und die ich nicht dem neurodivergenten Spektrum zuordnen würde. Aber meine durch meine Neurodivergenz beeinflussten Erlebnisse, die ich gerade in meiner Jugend hatte, haben mit Sicherheit den Grundstein für eine weltoffene Sichtweise und meine Abneigung gegen Ausgrenzung jeglicher Art gelegt.