Kindheit

childhood

Wie bereits in der Rubrik Über mich angedeutet, hatte ich als Kind starke Anzeichen von ADHS, was damals am ehesten als “Zappelphilipp” bezeichnet worden wäre. Weder der Kinderarzt noch andere Menschen, die mit diesen Auffälligkeiten hätten vertraut sein sollen (Erzieher*innen, Kindergärtner*innen, Lehrer*innen, …), haben dies bemerkt.

Es waren ganz typische Verhaltensweisen und Eigenarten, von denen ich hier nur einige aufzähle, um einen kurzen Überblick zu geben:

  • Vergesslichkeit
  • “Sprechdurchfall”
  • sprunghafte Aufmerksamkeit
  • Lange Konzentration nur bei Dingen, die mich brennend interessierten
  • schlechtes Zeitempfinden
  • Abgelenktheit in der Schule
  • soziale Isolation in Kindergarten und Schule
  • Unzuverlässigkeit
  • Gedankengänge, denen schwer zu folgen war
  • keinerlei Ordnungssinn
  • permanenter hoher Bewegungsdrang und Probleme, dem nicht nachzugeben

Mich selbst und meine Familie hat das alles nicht wirklich belastet. Ich kannte es nicht anders und meine Familie akzeptierte, dass ich manchmal ein wenig wunderlich war. Die Tatsache, dass ich sehr schnell lernte, schnell für Dinge zu begeistern war (allerdings oft auch genauso schnell wieder das Interesse verlor) und keine Berührungsängste gegenüber anderen menschen hatte, hat wohl maßgeblich dazu beigetragen, dass mein Verhalten generell nicht als “abnormal” wahrgenommen wurde. Etwas eigen ja, aber nicht krankhaft.

Ich erinnere mich, dass ich mich in der Grund- und Hauptschule hauptsächlich gelangweilt habe. Meine Noten waren gut bis sehr gut, obwohl ich nach Meinung der Lehrer nie aufpasste. Ein Blick in die Zeugnisse, die ich zu Diagnosezwecken meinem Psychiater mitbrachte, bestätigte diese Erinnerung. Die Hausaufgaben hatte ich auch selten dabei, nicht, weil ich sie im engeren Sinne “vergessen” hätte - ich hatte einfach keine Lust darauf und habe sie so lange vor mir hergeschoben, bis es zu spät war und ich ins Bett musste. Während des Unterrichts war ich oft abgelenkt - ein Trecker auf dem Feld vor dem Klassenzimmer war oft interessanter als die Lehrer*in am Pult und den Rest der Zeit alberte ich leise mit den Klassenkamerad*innen herum.

Zu Hause gab es allerdings auch genug Dinge, die ich interessanter fand als die Hausaufgaben, die ja nur eine Wiederholung dessen waren, was man mir schon in der Schule erzählt hatte, also die reinste Zeitverschwendung waren. Aus meiner Sicht, wohlgemerkt. Warum etwas wiederholen, was man schon verstanden hat? Jedenfalls ging es nachmittags dann entweder an die Lego-Kiste oder an die Bücher, wenn die Abenteuer im Wald nicht noch interessanter waren. Eine lebhafte Phantasie hatte ich schon damals und wenn gerade nichts los war, malte ich mir im Kopf aus, ein Pirat zu sein, oder ein Feuerwehrmann, oder ein Affe, der auf Bäume klettert - das, was die meisten Kinder wohl auch tun würden. Gut, ich kannte kein Ende; wenn ich einmal in “meiner” Welt versunken war, vergaß ich alles um mich herum. Stundenlang auf einer Birke in 6 Metern Höhe hocken und zuweilen sogar dort oben einschlafen? Check. Lokführer mit der Gartenbahn spielen, bis es so dunkel war, dass meine Eltern mich vorsichtshalber reinholen mussten? Check. Mit Lego Phantasiebauwerke, Dungeons mit Falltüren oder komplexe Maschinen bauen, ohne auch nur daran zu denken, etwas zu essen oder zu trinken? Check. Und als irgendwann der C64 bei mir einzog, den meine Eltern mir schenkten (ich glaube, es war zu Weihnachten) war es aus und vorbei. Ich war acht oder neun Jahre alt und hatte nur noch Augen für die “Brotkiste”. Die Handvoll Spiele, die mir dazugelegt wurden, fesselten mich für ein paar Monate, bis ich das dicke Programmierhandbuch entdeckte. Mein Vater hat wohl einige Abende sehr bereut, mir das Gerät besorgt zu haben, denn er musste mir fortan die mir unverständlichen Begriffe in BASIC erklären und übersetzen, damit ich mir selber programmieren beibringen konnte.

Diese selektive Konzentrationsfähigkeit und das Eingraben in Themen, die gerade interessant sind, sind typisch für ADHS-Kinder. Das während des Spielens und Programmierens erforderliche Stillsitzen vor dem Gerät war für mich kein Problem. Zum einen sah es wohl für Außenstehende so aus, als würde ich den Joystick mit dem ganzen Körper bedienen statt mit einer Hand, so sehr ging ich bei jeder Bewegung mit (was im Übrigen beim Spielen mit dem Controller des NES bei Freunden genauso aussah). Zum anderen hing ich wohl schon als Kind mit Vorliebe in den verquersten Körperhaltungen auf dem Stuhl, mein Vater sprach von einem “Schluck Wasser in der Kurve”. Es sind viele kleine Erinnerungen an geflügelte Worte und Situationen, die mir heute helfen, meinen Zustand bis zur Kindheit zurückzuverfolgen und zu plausibilieren.