Oura
Ich trage jetzt wieder eine Uhr. Eine ziemlich schicke Citizen-Armbanduhr, etwas klobig, schwer, und vor allem: Nur eine Uhr. Sie beherrscht zwei Funktionen: Sie zeigt die Zeit an und sie hat eine Stoppuhr. Kein Schnickschnack, obwohl ich eigentlich ziemlich auf Chronographen mit vielen Extras und zuweilen auch auf Smart Watches stehe. Aber diesmal sollte es simpel sein, ein kleines Gegengewicht zum permanent gezückten Handy. Nun gewöhne ich mir an, die Uhrzeit nicht auf dem Bildschirm, sondern wieder auf dem Handgelenk abzulesen.
Aber was hat das mit Oura, bzw. dem Smart-Ring der gleichnamigen finnischen Smart Health-Firma zu tun?
Introducing: The Oura Smart Ring Gen3
Ich habe so einige Gründe, meine Gesundheitsdaten gezielt zu erfassen, auszuwerten und darauf zu reagieren. Hoher Blutdruck, Tachykardie, zuweilen Extrasystolen, Schlafrhythmusstörungen, wenig sportliche Betätigung (Wirbelsäulenschäden sind was tolles - nicht!) und größtenteils Bildschirmarbeit. All das (und mehr) spielt zusammen und sorgt zuweilen dafür, dass ich mich schlapp fühle, gesundheitlich anfällig bin und generell gerne wüsste, wie ich etwas an meinem körperlichen Wohlbefinden ändern kann. Tatsächlich ist das Thema Schlaf hier für mich besonders interessant, denn durch den sehr dynamischen Schlafrhythmus gewöhnt sich mein Körper nur schwer an reguläre Zeiten.
Jetzt gibt es diese tollen Fitness-Tracker, meist in Plastikarmbänder eingefasst, die alle möglichen Gesundheitsdaten erfassen. Herzrhythmus, Blutsauerstoffsättigung, Temperatur, Schlafzyklen. Doch beim Plastik-Look bin ich raus. Ich habe viele dieser Geräte ausprobiert und habe sie im Endeffekt alle nach ein paar Wochen oder Monaten verschenkt. Ich empfinde sie als unbequem, durch den lockeren Sitz ungenau und vor allem als hässlich. Jetzt bin ich zwar nicht gerade modebewusst, trage meist bequeme schwarze Klamotten und habe kein echtes Bewusstsein dafür, was gut aussieht oder nicht, aber die Tracker empfinde ich persönlich als optisch unpassend und störend. Und da sie in der Regel auch ein Display haben, kommt es schon reichlich komisch rüber, an der linken Hand eine schicke Uhr und an der rechten Hand eine hässliche Uhr zu tragen.
Hier kommt der Oura-Ring ins Spiel. Nachdem ich mir testweise einen verhältnismäßig günstigen Smart Ring für knapp unter 100€ gekauft hatte, der weder von der Funktionalität noch von der Akkulaufzeit her überzeugen konnte, sprach ich mit einem lieben Kollegen über die Thematik, der seit langem Oura-Ringe trägt und damals die initiale Kickstarter-Kampagne unterstützt hat. Seine Reaktion auf meine Erfahrungsberichte: “Du, ich bekomme ja jeden neuen Oura-Ring kostenlos, gerade kam Gen4 raus. Ich hätte also einen Gen3 übrig. Kannst Du für lau haben.” Wow! Auch wenn der Ring ihn quasi nichts gekostet hat, er geht auch heute (Stand 04/2025) noch für gute 250-350€ über die Theke. Dementsprechend schwer habe ich mich damit getan, das Angebot anzunehmen, aber hier sitze ich nun, mit einem schicken schwarzen Ring am Finger. Danke an dieser Stelle an besagten Kollegen, Du hast was gut bei mir!
Oura hatte zuletzt ein Abo-Modell für alle Ringe ab Gen3 eingeführt, das einige Nutzer (verständlicherweise, aus meiner Sicht) verärgert hatte. Zu den hohen Anschaffungskosten (ein Gen4 kostet derzeit gut über 400€) kommt nun eine monatliche Gebühr von aktuell 5,99€ pro Monat, um alle Funktionen voll nutzen zu können. Da der erste Monat kostenlos ist, entschloss ich mich, die entsprechenden Funktionen zu testen. Man kann den Ring zwar auch ohne Abo nutzen, allerdings erhält man so nur die Grunddaten des Ringes, aber keine erweiterten Auswertungen, die Laien die gemessenen Werte besser einordnen und Handlungsempfehlungen generieren. Für mich hängt also ein deutlicher Mehrwert daran, der die sechs Euro pro Monat rechtfertigt.
Der Hersteller verspricht, dass der Ring mit einer Ladung bis zu sieben Tage durchhält, was ihn von vielen günstigeren Alternativen deutlich abhebt. Mein seit mehreren Jahren verwendetes Exemplar kommt vielleicht noch auf die Hälfte dieser Zeit, mit allen aktivierten Funktionen. Das “bis zu” ist damit sowieso mit Vorsicht zu genießen, denn je mehr Funktionen man aktiviert, desto geringer fällt die Akkulaufzeit logischerweise aus. Mit 24h-Herzratenmessung und regelmäßigen Messungen der relevanten Werte sind 3-4 Tage meiner Meinung nach ein ziemlich guter Wert nach mehreren Jahren Nutzung.
Erfahrungswerte
Ich habe den Ring jetzt erst ein paar Tage in Verwendung, daher fehlen mir noch Langzeit-Erfahrungswerte. Einige der Cloud-gestützten Funktionen der Oura-App werten über Wochen und Monate hinweg grundlegende Daten aus, bis sie ein Profil erstellt haben und anhand dessen sinnvolle Analysen ermöglichen, doch generell kann ich schon einmal sagen, dass die gemessenen Werte überzeugen. Herz- und Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung stimmen mit separaten Messungen nahezu vollständig überein. Die gemessene Körpertemperatur (gemessen wird wie auch die Blutsauerstoffmessung nur während des Schlafs, da tagsüber zu viele externe Faktoren die Werte beeinflussen) wird leider nur als Abweichung vom ermittelten Standardwert angezeigt, scheint aber ebenfalls ausreichend genau zu funktionieren - auftretendes Fieber wurde jedenfalls direkt erkannt. Zusätzlich werden Werte wie die Herzratenvariabilität berechnet, also wie stark die Frequenz einzelner Herzschläge vom Mittel abweicht.
Mit den gemessenen Werten bildet die App mit ausreichend vielen Messpunkten (die meisten Funktionen benötigen mindestens zwei Wochen an Daten) verschiedenste Analysen ab: Bewegungsphasen (anhand der Location-Services des Smartphones und der Beschleunigungsmesser im Ring), Schlafanalyse (inkl. Schlafphasen, Schlafzeitpunkten, Erholsamkeit), 24/7 Pulswerte (Ruhepuls, Herzfrequenz, Variabilität), Atmung (Rate und Regelmäßigkeit, abgeleitet über Blutsauerstoffwerte), Stress und Stressresilienz (anhand der Werte für Puls, Schlaf, Bewegung und Temperatur). Auch eine Schätzung der verbrannten Kalorien anhand der gemessenen Bewegungsmuster und Herzrate wird vorgenommen, somit deckt der Ring auch die klassischen Funktionen eines Aktivitätstrackers ab. Die App erlaubt es beispielsweise auch, Benachrichtigungen zu senden, wenn man sich zu lange nicht bewegt hat - für Bildschirmarbeitsplätze ziemlich hilfreich, um in Bewegung zu bleiben. Zugleich erkennt die App auch, welche Art von körperlicher Aktivität man gerade durchführt, vom gemütlichen Spaziergang über Radfahren bis hin zu diversen Sportarten gibt es viele vordefinierte Profile.
Gerade die Analysen zu Resilienz, der Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems (“Kardiovaskuläres Alter”), der Ausdauerleistungsfähigkeit, den erweiterten Schlafwerten, dem Symptom-Radar (quasi eine Frühwarn-Funktion für gemessene Auffälligkeiten) sowie des Chronotyps und - primär für Personen mit weiblichen Geschlechtsorganen interessant - den Zyklus- und ggf. Schwangerschafts-Einblicken benötigen wie gesagt jedoch einige Zeit, bis ausreichend viele Messwerte vorliegen. Ich bin sehr gespannt darauf, wie die Ergebnisse in ein paar Wochen aussehen werden.
Spannend könnten auch die “Experimente” sein, die als Opt-In verfügbar sind. Hier steht Stand heute beispielsweise ein mit den persönlichen Daten gefütterter KI-Assistent zur Verfügung, der bei der Einordnung der Werte hilft und verspricht, hilfreiche Hinweise zur Gesundheitsoptimierung zu geben. Auch ein KI-unterstütztes Modul zur Kalorienanalyse von Mahlzeiten steht dort derzeit zur Verfügung, das angeblich anhand eines Fotos der Mahlzeit halbwegs akkurat die enthaltenen Kalorien erraten soll. Beide Funktionen werde ich antesten, für mich sind sie aber tatsächlich nur wenig interessant - die angezeigten Werte und Analysen kann ich selber halbwegs einordnen und wie viele Kalorien ich etwa zu mir nehme weiß ich auch so ausreichend genau.
Zuletzt erlaubt es Oura im Gegensatz zu vielen der zumeist aus Asien stammenden Konkurrenz-Produkten, die gemessenen Werte mit anderen Apps auszutauschen. Aktuell wird die Drittasnbieter-App Strava (eine Trainings-Tracking-App) sowie Google Fit unterstützt, wobei letzteres die Daten wiederum mit anderen kompatiblen Anwendungen teilen kann. Ob man seine Gesundheitsdaten mit Google oder generell einer Drittanbieter-Cloud synchronisieren möchte muss jeder für sich entscheiden, im Endeffekt kommt man aber heutzutage bei Nutzung eines Fitness- oder Gesundheits-Trackers kaum noch daran vorbei. Ich sehe das durchaus kritisch, denn ein Missbrauch dieser Daten kann ggf. einige nicht direkt absehbare Folgen haben. Aber das ist ein Thema für einen anderen Beitrag.
Smart Ring oder kein Smart Ring
Nach meinen ersten eher ernüchternden Versuchen mit günstigen Smart Ring-Varianten muss ich ehrlich gestehen, dass ich vom Funktionsumfang, der App-Qualität sowie der Akkulaufzeit des Oura Ring Gen3 ziemlich positiv überrascht bin. Die Analysen erscheinen mir sinnvoll und ich hoffe, dass auch die Langzeitanalysen einen Mehrwert darstellen. Für Menschen wie mich, die zum einen ein paar Gesundheitsdaten permanent erfassen möchten, dafür aber nicht auf Fitness-Armbänder zurückkreifen möchten, sind Smart Rings durchaus eine spannende Alternative. Der hohe Preis schreckt natürlich ab und ich möchte an dieser Stelle auch ganz deutlich sagen, dass ich bisher keine 300-400€ für so ein Gerät ausgegeben hätte. Den monatlichen Abo-Preis kann ich für das, was mir dafür geboten wird, jedoch verschmerzen. Dass Oura in Finnland gegründet wurde und somit Teil der EU ist, hilft mir etwas, beim Thema Datenschutz entspannt zu sein - sie sind damit an die DSGVO gebunden. Das sind Nicht-EU-Firmen für in der EU vertriebene Produkte zwar auch, doch bei einer EU-Firma habe ich tatsächlich mehr Vertrauen in deren Umsetzung.
Ich werde die Entwicklung der Oura-Ringe weiterhin mit Spannung verfolgen und möchte für die Zukunft gar nicht mehr ausschließen, dass ich für eine der kommenden Generationen nicht doch mal das entsprechende Kleingeld in die Hand nehmen werde, sofern sie mich überzeugt.